Himbeergeist erste Erfahrungen

Spirituosen hergestellt durch Destillation von Alkohol und unvergorenen Früchten oder Gewürzen
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T-500
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Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von T-500 »

Als Anfänger steckt man schnell in einem Dilemma. Am Anfang wird viel gebrannt, man möchte ja etwas lernen und vorankommen. Nun liegt schon einiges auf Holz, das muss aber erst reifen. Geduld ist nun angesagt. Was aber kann man denn nun gleich genießen, wenn man schon soviel Aufwand betreibt? Neben Wodka (Doppelkorn) bleiben da erstmal nur Angesetzte und Geiste. Gezuckerte Getränke mag ich nicht.
In einer der letzten Ausgaben der Zeitschrift „Kleinbrennerei“ wurde über Himbeergeist geschrieben.
Im 1. Versuch hatte ich 900g TK Himbeeren mit 1l Neutralalkohol (2l 50%Vol) angesetzt, einen Tag mazerieren lassen und dann in meiner Air(Pot) Still auf 4l verdünnt einmal gebrannt. 40ml „Vorlauf“ und etwas Nachlauf kamen weg.
Das Ergebnis war gut aber nicht berauschend. Eine leichte Bitternote und Alkoholschärfe kam durch. Dennoch für das erste mal schon gut trinkbar und auch schnell wieder weg.😀
Die Himbeerbrühe mit den Stücken aus der Airstill schmeckte noch, also als „Nachtisch“ verwertet.
Dann fielen mir durch Zufall 500g Beutel mit TK Himbeeren für 2,49€ pro Beutel in die Hände. Ich kaufte 3kg und wollte den nächsten Ansatz mit 1,5kg Beeren auf 1l Neutralalkohol ansetzen.
Also 4l 50%igen auf 3kg gefrorene Himbeeren gekippt und eine Nacht stehen lassen. Ich hab dann noch 1l Wasser dazugegeben und alles in meinen 13l Kessel gegeben. Da der ursprünglich ein Dampfgarer war, habe ich den Dämpfereinsatz genutzt und das Mazerat eingegossen. Alle Hmbeeren lagen nun in einem „Geistkorb“. Ich habe meine T-500 Refluxkolonne genutzt und vorher 1/4 der Packung entfernt, um sie ineffizienter zu machen.
Einen kleinen Teil Vorlauf (40ml) hab ich rausgenommen und soweit gebrannt, bis die %Vol des Destillats merklich geringer wurden. Das hab ich abgesondert (ca. 400ml) und für später aufgehoben. Es schmeckte leicht muffig.
Der Mittellauf hatte zum Schluss dann doch noch 89%Vol, da hätte ich wohl noch mehr Packung rausnehmen können.
Die ausgegeisteten Himbeeren im Korb und die „Brühe“ im Kessel schmeckten dieses mal scheußlich und wanderten auf den Kompost!

Am nächsten Tag hab ich das auf 42%Vol verdünnt und für 2 Wochen „reifen“ lassen.
Der Geschmack ist um Welten besser! Angenehme Himbeernoten in der Nase, ohne Alkoholschärfe. Auf der Zunge fruchtig leicht säuerlich mit einem süßlichen Abgang. Von dem Ergebnis bin ich sehr angetan. Ich denke, dass die größere Menge an Früchten sicher dazu beiträgt. Die Bitternote aus dem ersten Versuch ist weg. Vielleicht liegt es daran, dass die Kerne nicht mit gekocht wurden? Im oben beschriebenen Fachblatt wird wegen der Kerne zu einer sehr kurzen Mazerationszeit geraten. Mit wieviel %Vol die Profis in den Kessel gehen, finde ich nirgends. Bei Gin ist von ca. 30%Vol die Rede.
In einigen Beiträgen hier im Forum wird ja dazu geraten, eher mit sehr wenig Alkohol im Kessel zu destillieren. Eure Erfahrungen mit Himbeergeist interessieren mich. Bisher hab ich hier relativ wenig darüber gelesen.
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Mit besten Grüßen
T-500 :)
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azeotrop
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von azeotrop »

Klasse Bericht. Danke

Himbeeren haben ca. 86% Wassergehalt.
Dieses Wasser sollte bei den Überlegungen zur wirksamen Alkoholstärke beim Mazerieren und im Kessel berücksichtigt werden.
Du hattest also zusätzlich zu den 4l 50%igen auch noch grob 2,5 L Wasser durch die Himbeeren beigegeben. Das übersieht man leicht.
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derwo
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von derwo »

Allgemein finde ich, hättest du mehr Himbeeren nehmen können.

Daß der erste Versuch nicht so gut geworden ist, liegt vielleicht einfach am Einfachbrandverfahren mit der Airstill? Noch dazu hohe vol% an die Himbeeren, dadurch kratzige Aromen im Nachlauf, welche dann die Airstill nicht abtrennen kann? Deine VM dagegen hat es natürlich gekonnt.

Meiner Erfahrung nach vertragen Himbeeren zwar höhere vol% zum Geisten als zB Äpfel, Quitten oder Mispeln, aber über 15vol% würde ich trotzdem nicht gehen. Also die Früchte nicht mitgerechnet. Das bedeutet pro kg Himbeeren würde ich so 3-3.5lt auf 15vol% verdünnten Alkohol nehmen. Und dann gleich ab in die Destille und entweder mit Reflux einfachbrennen oder -besser- mit einer Potstill doppelbrennen.

Hab aber schon sehr lange keinen Himbeergeist mehr gemacht.
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azeotrop
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von azeotrop »

T-500 hat geschrieben: 15. Jun 2024, 16:41 Mit wieviel %Vol die Profis in den Kessel gehen, finde ich nirgends.
Da gibt es wirklich unterschiedliche Verfahrensweisen.
Ein Beispiel aus der Zeitschrift Kleinbrennerei 6/2011 zum Thema Obstgeiste findet man hier:
http://www.rekru.de/blog/rekru/brennere ... -in-kurze/

Ganz unten findet man ein detailliertes Beispiel für Johannisbeerengeist.
Es wird direkt mit unverdünntem Neutralalkohol mazeriert.
40 kg Johannisbeeren + 25 L Neutralalkohol 96.3vol%
Die Beeren enthalten ca. 34L Wasser, der Neutralalkohol wird dadurch verdünnt.
Es ergeben sich ca. 57L Flüssiganteil mit 42vol% Mazerat.
Vor der Destillation wird mit Wasser auf 120 L aufgefüllt, also nochmal ca. 62 L Wasser zugefügt.
Im Kessel wären dann 120 L 20%.
Vermutlich wird etwas weniger Wasser aufgefüllt werden, da ich das Feststoffvolumen der Beeren ignoriert habe.

Ich will nicht bewerten ob dieses Vorgehen besser oder schlechter ist, als andere Methoden. Es ist zumindest eine mögliche Methode.

Falls jemand das Heft 6/2011 oder den Artikel besitzt, wäre ich dankbar für mehr Informationen.
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derwo
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von derwo »

Es stimmt, daß man in der Literatur weitaus höhere Alkoholstärken findet, als die, welche ich verwende. Auch wird das Mazerat vor dem Brennen normalerweise gelagert, nicht gleich destilliert.
Das Beispiel von reku.de kenne ich auch. Ein paar andere Beispiele habe ich mir mal in eine Textdatei kopiert:

Aus Spirituosentechnologie von Erich Kolb (Hrsg), 1931
Obstgeist
0.5-2.5 - fache Menge Frucht an 96%Alk. Normalerweise 24-48h Mazeration in 96%. Ev. dann Wasserzusatz 200-400ml pro l Ansatz. Ohne Druck destillieren. NL norm. 45%, ab 55% prüfen.
Himbeer 1-2fach

kollmann.net
Zu 1 kg Gartenhimbeeren gibt man 0,51 Alkohol und zu 1 kg Waldhimbeeren bis 0,71 Alkohol. Am Anfang gibt man mehr Alkohol ins Gefäss, um die Früchte nicht der Luft auszusetzen. Am sichersten ist die Verwendung von Primasprit. Dieser ist völlig neutral und frei von störenden Substanzen und anderen höheren Alkoholen.
Eine längere Aufbewahrung des Ansatzes bis zum Brennen ist nicht erforderlich. Bereits nach wenigen Tagen kann destilliert werden. Das Brenngerät muss gut gereinigt sein. Deshalb wird vorher ein Reinigungsabtrieb mit entsprechenden lösenden Mitteln durchgeführt. Um eine vollständige Entgeistung des Gemisches zu gewährleisten werden pro 100 l Ansatz noch 10 bis 20 I Wasser der Brennblase zugegeben. Der Brennmeister wird darauf achten, dass die aus der Blase aufsteigenden Dämpfe möglichst wenig abgekühlt ­ dephlegmiert -werden. Man erreicht dies dadurch, dass man im Dephlegmator ­ Kühler oberhalb der Kochböden ­ überhaupt nicht oder nur ganz schwach kühlt und zusätzlich, wenn möglich, von dreien noch einen Kochboden ausschaltet. Es erübrigt sich, einen Vorlauf abzuscheiden. Dagegen ist es für den Wohlgeschmack des Erzeugnisses wichtig, bei 35% vol den Mittellauf abzunehmen und den Nachlauf (halbliterweise) zu verkosten und zu entscheiden, ob noch etwas zum Mittellauf genommen werden kann. Im Nachlauf tritt häufig ein unerwünschter Geschmack auf, der einen guten Mittellauf erheblich beeinträchtigen würde. Der Primasprit zieht aus den Himbeeren das Aroma und dieses Aroma wird durch Destillation in das Fertigprodukt überführt.

brennerei-wissen.de
Die Früchte werden vorsichtig aber gründlich zerstossen, damit der Alkohol möglichst viele Aromen erreicht. Der Fruchtbrei wird dann im Verhältnis 3 Teile Frucht : 1 Teil Alkohol mit Neutralalkohol überdeckt und ggf. mit Wasser ganz aufgefüllt.
Als Behältnis eignen sich Edelstahlbehälter, keine Kunststoffbehälter zum Auslaugen verwenden.
Die angesetzten Früchte verbleiben bedeckt ein bis drei Tage im Alkohol. Der Ansatz sollte bei etwa 16°C stehen und gelegentlich durchgerührt werden. Den fertigen Ansatz nicht lagern, sondern möglichst bald abbrennen. Vor dem Brennen wird der Ansatz 1:1 mit Wasser verdünnt.
Beim Brennen sollte sehr langsam und schonend verfahren werden. Nur bei absolut perfekten Früchten können Böden und Dephlegmator ausgeschaltet werden. Ansonsten ganz normal mit eingeschalteten Böden und Dephlegmator destillieren.


Also ich kann eine Skepsis gegenüber meiner niedrigen Alkoholstärke und des Gleich-Brennens schon verstehen.
Schlussendlich hat man die Münze x-mal im Kopf umgedreht, aber ohne eigene praktische Versuche kann man es nicht wissen.
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azeotrop
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von azeotrop »

Ich bin auch etwas skeptisch bei der Mazeration in unverdünntem Neutralalkohol. Es ist etwas von dem behauptet wird dass es von Profibrennern so gemacht wird.
Die Gründe müssen nicht in besserer Qualität liegen.
Für mich haben derwos Erfahrungswerte einen hohen Stellenwert. Da weiß ich sicher dass es klappt.
Ich bin aber auch offen für Versuche mit hohen %%.

Leider finde ich kaum handfeste Fakten im Netz.

Danke an derwo für seine Literaturrecherche.
Wenn ich noch etwas finden sollte, werde ich es natürlich auch posten.
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T-500
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von T-500 »

Vielen Dank für eure wertvollen Hinweise. Ich denke, dass ich mit meinem 2. Versuch schon ein hochwertiges Produkt erzielt habe. Beim nächsten mal werde ich mit einer noch etwas geringeren Alkoholmenge in den Kessel gehen und dann doppelt brennen.
Mit besten Grüßen
T-500 :)
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derwo
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von derwo »

Genau, Hauptsache, du probierst es gleich nächstes mal etwas anders. Damit es spannend bleibt.

Und Himbeergeist ist eine sehr dankbare Sache. Himbeeren funktionieren allgemein einfach sehr gut als Geist.
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T-500
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von T-500 »

Ich war neugierig und hab gleich noch eine Ladung angesetzt. Dieses mal hab ich 6kg Himbeeren mit 3,5l 96%igem angesetzt und nach 3h mit 14l Wasser verdünnt, sodass ca 22l 15% iges im Kessel war. Dieses mal hab ich die Himbeeren fein gequirlt.
Dann ein Rauhbrand mit Rührwerk und den dann anschließend gleich über die kleine Kolonne fein gebrannt. Das Ergebnis duftet himmlich, darf aber noch ein paar Wochen im Dunkeln stehen 😊
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Mit besten Grüßen
T-500 :)
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azeotrop
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von azeotrop »

Hast du wirklich nur 3 Stunden mazeriert?
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T-500
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von T-500 »

Ja. Ich hab die Himbeeren püriert und dann mit dem 96% igen vermischt. Nach 3h dann die 14 l heißes Wasser aus dem Hahn drauf, kräftig vermischt, und dann mit Rührwerk losgelegt.
Mit besten Grüßen
T-500 :)
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azeotrop
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von azeotrop »

Das ist unkonventionell, aber interessant. Diese Variante kannte ich noch nicht.
Danke fürs ausprobieren.
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T-500
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von T-500 »

Mein Hauptmotiv war, eine Extraktion aus den Kernen zu minimieren.
Mit besten Grüßen
T-500 :)
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azeotrop
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Re: Himbeergeist erste Erfahrungen

Beitrag von azeotrop »

Den Gedanken kann ich nachvollziehen. Man kann solche Unterschiede aber nur bei einem direkten Vergleichstest beurteilen.
Ich frage mich wie es wäre wenn man auf die Mazeration komplett verzichten würde. Der Weg von 3 Stunden zu 0 Stunden ist ja nicht mehr weit.
Ich möchte aber deinen Versuch nicht zerreden.
Es grüßt Azeotrop
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