Obstler

Obst ernten oder kaufen, verarbeiten, vergären und brennen
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derwo
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Obstler

Beitrag von derwo »

Ein eigener Obstler hat mich schon immer interessiert. Vor allem auch, da er das Problem löst, daß man für einen sortenreinen Brand meist nicht genügend Früchte zusammenbekommt.

Letzten Sommer bin ich umgezogen. Neue Gegend, neue Obstbäume. :D
Im Herbst konnte ich noch ein paar Feigen ernten und habe sie eingefroren. Vor drei Monaten habe ich mir eine Tiefkühltruhe gegönnt und ab da habe ich alle anfallenden Obstreste immer gematscht und eingefroren. Also zB Bananen, die niemand mehr essen wollte. Aber auch mal Kiwi, Ananas, Weintrauben, Äpfel, Birnen, Orangen und Blaubeeren.

Die letzten Tage habe ich angefangen, Kirschen, Minikirschen (Vogelkirschen? Wildkirschen?) und Felsenbirnen von umliegenden Obstbäumen zu pflücken.
Ein paar Apfel- und Birnbäume auf öffentlichem Grund habe ich auch schon ausgespäht. Auch ein paar Aprikosen oder ähnliches. Und kleine Schlehensträucher.
Und in meiner alten Gegend gibt es ein paar Mirabellenbäume, Brombeer- und Holunderbeersträucher, welche ich vielleicht mal im Hochsommer besuchen werde.

Geplant ist ein Potstill-Dreifachbrand aus unaufgezuckerten Maischen.
Sobald ich Obst für 12l Maische zusammenhabe, setze ich an, vergäre und mache einen Raubrand.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt dieses Jahr einen Feinbrand zusammenbekomme. Hängt vor allem von der Produktivität der mir noch unbekannten Apfel- und Birnbäumen ab. Insgesamt brauche ich 72l Maische.

Sicher bin ich mir nur, daß es immer mal wieder was zu erzählen gibt.
Catweazle
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Re: Obstler

Beitrag von Catweazle »

Felsenbirnen sind schon reif bei dir??
Es ist ein Brauch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör.

Quelle: Wilhelm Busch, Bildergeschichten. Die fromme Helene,1872
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derwo
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Re: Obstler

Beitrag von derwo »

20200606_195554.jpg
20200606_195554.jpg (75.19 KiB) 409 mal betrachtet
Das sind Felsenbirnen, oder? Sind sehr süss die Dinger. Aber klein halt und viel Kernmasse.
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azeotrop
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Re: Obstler

Beitrag von azeotrop »

So eine habe ich auch im Garten. Die Vögel fressen sich gerade den Wanst voll.
https://www.gartenflora.de/gartenwissen ... lsenbirne/
Es grüßt Azeotrop
"Doubt not, therefore, sir, but that distilling is an art, and an art worth your learning."
(Nixon & McCaw)
Catweazle
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Re: Obstler

Beitrag von Catweazle »

Eindeutig felsenbirnen :+1:
Es ist ein Brauch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör.

Quelle: Wilhelm Busch, Bildergeschichten. Die fromme Helene,1872
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derwo
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Re: Obstler

Beitrag von derwo »

Mein erster Obstler ist fertig.

Die ganze Sache ist etwas anders geworden, da ich mich entschieden hatte, aus vielen Obstsorten eigene Brände zu machen. Deswegen sind keine Kirschen, fast keine Steinfrüchte wie Zwetschgen oder Mirabellen und keine Feigen im Obstler gelandet.
Das macht den Obstler vielleicht weniger wertvoll, aber vielleicht auch interessanter.
Das Obst wurde im Spätherbst eingemaischt und mit Kaltgärhefe vergärt. Inklusive Wasserzgabe waren es 71l. Ein großer Teil davon waren Fallobst-Mostbirnen, welche ein ganz gutes Aroma haben, aber sehr hart und nicht besonders süß waren. Und sonst halt vor allem Reste, wie überreife Bananen oder auch mal eine Ananas, die schon dunkle Stellen hatte und angegärt war, sehr viel überreifes.

Die Hälfte der Raubrände habe ich gleich nach Abschluss der Gärung gemacht. Mit der Potstill. Dann aber ging mein Rührwerk kaputt und die restliche Maische lagerte erstmal in einem Fensterlichtschacht, also wechselnd so zwischen 5 und 10°C zusätzliche sechs Wochen. Während dieser Lagerzeit haben sicherlich Bakterien ihre aromatischen Spuren hinterlassen. Diese späteren Raubrände hatten ganz klar mehr milchsäuriges Aroma (mildfruchtig) und beim ersten Destillat auch scharf tropisches Aroma, wie Ananas, was wohl von Buttersäurebakterien kommt. Essigbakterien scheinen nicht besonders aktiv gewesen zu sein.

Das ergab 20.5l 16.8vol% Destillat, in der Maische war also nur so knapp 5vol% Alkohol, welches ich ein zweites mal mit der Potstill gebrannt habe. Dabei roch es anfangs immer sehr tuttifrutti und dann wie milder Apfel, also wie Apfel mit vielleicht Mangonuancen.

Der Feinbrand war dann mit 7.65l 45vol% im Kessel und meiner kleinen CM (50cm SPP in 2"-Kolonne). Den Vorlauf habe ich erstmal mit 100% Reflux konzentriert und schlussendlich 80ml verworfen. Das ist deutlich mehr als sonst, aber die Vorlaufgläschen hatten nicht nur einen schlechten Geruch, sondern nahmen einem sogar richtig den Atem. Also man riecht daran und man merkt sofort, wie sich die Luftröhre zuzieht. Das waren 2.4% des Gesamtalkohols.
Beim Mittellauf habe ich den Reflux ganz ausgeschaltet. Der Mittellauf war 2.5l mit 76.6vol%. Die Mittellaufausbeute beträgt somit 56.7% des Gesamtalkohols. Das ist deutlich weniger als sonst, es ist eher so 65-70% normalerweise. Wahrscheinlich aus zwei Gründen:
1. Die Maische hatte so lange gelagert.
2. Ich habe bei den letzten Feinbränden wahrscheinlich etwas zu spät abgetrennt. Ich wollte diesmal einfach früher abtrennen.

Beim Nachlauf habe ich wieder Reflux eingesetzt, da ich den Alkohol rausholen möchte, um daraus Neutralalkohol zu machen.

Das Aroma ist wie erwartet sehr apfelig. Daß da so viele Birnen drinnen sind, merkt man leider nicht. Ein bisschen was quittig-seifiges ist drinnen, wo ich nicht weiß, woher es kommt. Quitten sind nämlich erst bei meinem nächsten Obstler mit drinnen, bei dem nur noch der Feinbrand fehlt.

Also Apfel plus Tropifrutti und insgesamt sehr mild ist er geworden. Jetzt lagert er erstmal.
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derwo
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Re: Obstler

Beitrag von derwo »

Und der zweite Obstler ist auch fertig.

Diesmal waren vor allem Äpfel und Quitten im Obstmix. Fast alles Fallobst. Vergärt habe ich kalt an der Grenze, wo die Kaltgärhefe noch arbeitet. Und dann habe ich die Maische noch drei Monate ähnlich kalt gelagert.

Inkl. Wasserzugabe hatte ich 66 liter Maische. Nach den Raubränden waren es noch 19 liter. Und nach den Mittelbränden noch 7.8 liter mit 42.5vol%. Die Maische hatte also etwa 5vol% Alkohol.
Vor allem beim Befüllen des Kessels, egal ob bei den Rau- oder Mittelbränden oder beim Feinbrand, war immer ein sehr unverfälschtes Apfelaroma riechbar. Seltsam, daß die Quitte hinter dem Apfelaroma verschwunden war.

Den Feinbrand habe ich mit 50cm SPP gemacht, wobei der Mittellauf ohne Reflux gebrannt wurde. Also wie der erste Obstler.
Der Vorlauf war mit Reflux konzentriert extrem eklig und ich habe 100ml abgetrennt.
Den Mittellauf habe ich mit etwas Risiko später abgetrennt als letztes mal. Es sind 2.35 liter mit 68.2vol%. Die Mittellaufausbeute war 58% des Gesamtalkohols, also nicht viel mehr als beim ersten Obstler. Aber dieser Obstler hat von Anfang an mehr Nachlauf. Ich möchte diesen Obstler etwas anders als den ersten haben und dann in zwei Jahren aus dem Vergleich der beiden vielleicht etwas lernen können.

Am Ende ist doch ganz klar die Quitte wiedergekommen. Stärker als Apfel. Etwas trocken ist der Obstler auf der Zunge. Längst nicht so mild wie der erste Obstler. Wegen dem Nachlauf? Oder vielleicht wegen dem Quittenaroma? Quitte hat was bitteres. Ich weiß es nicht.
Mich interessiert eigentlich sowieso am meisten, daß das individuelle Brände werden. Ein bisschen mehr oder weniger Vorlauf oder Nachlauf hat da wenig Einfluß. Diese Obstler sind aus in gewisser Weise minderwertigem Ausgangsmaterial. Schönheiten produziert man auf diese Weise nicht.