Wandelröschen

Spirituosen hergestellt durch Destillation von Alkohol und unvergorenen Früchten oder Gewürzen
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derwo
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Wandelröschen

Beitrag von derwo »

Im letzten Sommer bin ich öfters in einem Park an Pflanzen vorbeigekommen, welche verschiedenfarbig blühen und einen sehr starken zitronigen Duft haben. Nicht so einen schweren und dumpfen, wie ihn Blüten leider oft haben, was, finde ich, für Spirituosen dann nicht sonderlich geeignet ist, sondern sehr frisch und hell, und auch komplex. Für dieses Jahr ist deswegen ein Geist aus diesen Blüten geplant.

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Die Pflanze heißt "Wandelröschen" (lantana camara).

Ist die Pflanze aber nicht giftig? Wie so oft bekommt man zuerst eine Horrormeldung über die Giftigkeit, wenn man dann genauer nachliest, ist alles nicht so dramatisch. Einige ungeordnete Zitate aus dem Internet:
"...wobei die Giftkonzentration in den reifen und unreifen Beeren am höchsten ist."

"Rinder und Kühe können beispielsweise bereits nach der Aufnahme von 25 g pro Kilo Körpergewicht binnen einer Woche verenden."

"Die drei Wirkstoffe Lantadene, Icterogenin und Triterpene sind im Gift des Wandelröschens enthalten. Diese Kombination ist sehr giftig für Menschen und Tiere gleichermaßen. Somit gehört das Wandelröschen auf die Liste der giftigsten Pflanzen, die wir uns in unsere Gärten und auf unseren Balkonen holen."

"Nehmen Rinder über 5 Tage mindestens 22,5 g pro Kilo Körpergewicht der frischen Pflanze zu sich, verenden sie."

Lantana camara is known to be toxic to livestock such as cattle, sheep, horses, dogs and goats. The active substances causing toxicity in grazing animals are pentacyclic triterpenoids, which result in liver damage and photosensitivy. L. camara also excretes allelopathic chemicals, which reduce the growth of surrounding plants by inhibiting germination and root elongation.

The toxicity of L. camara to humans is undetermined, with several studies suggesting that ingesting berries can be toxic to humans, such as a study by O P Sharma which states "Green unripe fruits of the plant are toxic to humans". However, other studies have found evidence which suggests that L. camara fruit poses no risk to humans when eaten, and is in fact edible when ripe.

Es gibt vereinzelte Berichte über tödliche Vergiftungen bei Kindern nach Verzehr der grünen Beeren. Eine Auswertung von 641 Fällen, in denen Kinder die Beeren aßen, fand hingegen keine schwerwiegenden Vergiftungssymptome. Die meisten Fälle verliefen ohne Krankheitserscheinigungen, in weniger als 10 % der Fälle kam es zu leichten Beschwerden (Erbrechen, seltener Durchfall und Bauchschmerzen).

NEW YORK (Reuters Health) - There is no need to worry if your toddler has eaten berries or leaves from Lantana camara, a plant found in flower beds across the southern U.S. and other balmy parts of the world.
That’s the conclusion from a review of the California Poison Control System database, published in the journal Pediatrics.
“From our personal experience, it didn’t seem very toxic and, lo and behold, our study proved our theory,” Lee Cantrell, a pharmacist with the California Poison Control System in San Diego, told Reuters Health.
He said parents often worried and called the center when their toddlers had eaten some of the plant accidentally.
A tropical shrub with variously colored flowers, Lantana camara is also known as West Indian Lantana or just Lantana.
It is toxic to cattle, which might end up downing a lot of it when grazing. Its effects on humans haven’t been studied, but one 1964 report on 17 children suggested it could be harmful for us, too.
But that doesn’t seem to be the case, according to the California researchers.
Searching the California Poison Control System database for the period between 1997 and 2009, they found 641 cases of kids who’d eaten the plant, most often its berries. There were no reports of severe effects, and fewer than one in 10 kids experienced mild symptoms such as vomiting and, less commonly, stomachache or diarrhea.
There was no clear difference in symptoms caused by eating the ripe or unripe berries or other parts of the plant.
So if a child accidentally chews a bit of Lantana and has mild or no symptoms, there is no need to see a doctor or get treatment, said Cantrell. Just wipe the kid’s mouth clean and keep an eye on them to make sure they don’t get worse.
He suggested other poison control centers should change their guidelines to reflect this advice."

"stets Handschuhe nutzen, wenn das Wandelröschen berührt werden muss"


Anscheinend ist sie ziemlich harmlos, wenn man sie untersucht, und hochgiftig, wenn man sie nicht untersucht. Jedenfalls habe ich mich entschlossen, das zu machen.
Und dann ist natürlich die Frage, ob diese Stoffe ins Destillat gelangen.

Der erste Versuch:
Ich habe von ca 250 reifen Blütenständen die Blüten abgezupft, also ohne grüne Stengel, sie in 8l Wasser gegeben, 30min ziehen lassen und geschüttelt, dann durch Gardinenstoff als Filter in die Destille gegeben. Daraus 3l Destillat geholt.
Das Destillat habe ich mit 1l 90-95%igem Alkohol aufgesprittet.
Der Geruch des Destillats ist gut, aber nicht besonders stark. Vorallem das Zitronige ist schwach. Hinzugekommen ist eine angenehme Note, welche ich von selbergebranntem Schlehengeist kenne. Etwas wie Colasirup oder Holunderbeerensirup ein bisschen.
Also das führt in jedem Fall zu einem guten Geist. Aber eigentlich möchte ich dieses Zitronige haben.

Da die ganze Pflanze diesen tollen Geruch hat, habe ich jetzt verschiedene Versuche gemacht. Ich habe Stengel, Blätter und Blüten einzeln in Wasser eingeweicht und den Geruch abgewartet. Auch kleingeschnitten und eingefroren, was die Zellwände ja zerstören müsste und damit die Aromen besser freisetzen würde. Das ist gescheitert. Das Einfrieren ruiniert alles, übrig bleibt nur Hasenstallaroma, also wie so getrocknetes Grünzeug für Hasen aus dem Tierladen. Überhaupt zeichnen sich die Blätter und Stengel dann doch leider eingelegt recht schnell durch dieses Hasenstallaroma aus. Auch die kleingeschnittenen Blüten etwas.
Ich glaube nun, der richtige Weg ist, die Blüten wie bisher abzuzupfen und ohne sie kleinzuschneiden einzuweichen. Aber dann nicht nur 30min sondern zwei Tage zu warten. Das Aroma scheint stetig anzusteigen, ohne daß es schlecht wird. Ich werde aber noch Versuche mit direkt Einlegen in Alkohol machen.

Der Plan ist, einen weiteren Brand zu machen und auf ca 20% aufzuspritten und dann beide gemeinsam feinzubrennen.
Dafür muss die Pflanze aber erstmal neue Blüten bilden. Und das macht sie erst, wenn es wärmer ist.
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azeotrop
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Re: Wandelröschen

Beitrag von azeotrop »

Das klingt nach einem sehr interessanten Rezept.
Du wirst beobachtet. :+1:
Es grüßt Azeotrop
"Doubt not, therefore, sir, but that distilling is an art, and an art worth your learning."
(Nixon & McCaw)
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BenDunker
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Re: Wandelröschen

Beitrag von BenDunker »

uhhh sehr spannend. Danke für die Versuche, da lese ich sehr gerne mit.
Die Bitterkeit der schlechten Qualität bleibt lange nach dem Vergessen der Süße des niedrigen Preises bestehen.
- Benjamin Franklin
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derwo
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Re: Wandelröschen

Beitrag von derwo »

derwo hat geschrieben: 5. Mai 2020, 10:52Ich glaube nun, der richtige Weg ist, die Blüten wie bisher abzuzupfen und ohne sie kleinzuschneiden einzuweichen. Aber dann nicht nur 30min sondern zwei Tage zu warten. Das Aroma scheint stetig anzusteigen, ohne daß es schlecht wird.
Ja, das ist der richtige Weg. Selbst nach einer Woche gammelt da noch nichts. Und das Aroma ist genauso, wie es sein soll. Nach einer Woche ist es etwas süsslich-weicher als nach zwei Tagen.
Leider aber bildet meine Pflanze kaum neue Blüten mehr aus und die wenigen riechen auch nicht besonders stark. Ich werde versuchen, die Pflanze gut über den Winter zu bekommen, und dann mal schauen, ob die neuen Blüten im Mai oder so dann wieder duften und auch zahlreich genug sind. Wenn nicht, muss eine neue her.
Ich habe aber ein ähnliches Projekt in Planung mit Zitronenverbene-Blättern. Die braucht einen Rückschnitt und die Blätter (ev. mit Stengeln) werde ich mal in Wasser einlegen. Ich eröffne dann ein neues Thema dazu.
Catweazle
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Re: Wandelröschen

Beitrag von Catweazle »

hallo der wo,

in der Zeitschrift "kleinbrenner" hat einer Holunderblüten sekt gemacht. das ganze hat er schon bei ca.3 Vol. % in Sekt flaschen abgefüllt. durch den druck stirbt die Hefe und dadurch ist es ihm gelungen, für seine Ansprüche den ganzen geschmack der Blüte einzufangen.
Nachzulesen hier:
Kleinbrennerei Juli 2020
der gute heißt bernulf Schlauch
www.holunderzauber.de
Tel. 07905/477

hier die Herstellung auf seiner Homepage:
https://www.holunderzauber.de/herstellung/

gutes gelingen wünsche ich dir.
Es ist ein Brauch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör.

Quelle: Wilhelm Busch, Bildergeschichten. Die fromme Helene,1872